Biografiearbeit in der Zeit des Schwellenübertrittes der Menschheit

Erschienen in Zeit-Schrift für Biografie-Arbeit, Michaeli 2016




Biografiearbeit hat die grundlegende Aufgabe, dem Klienten Entwicklungsschritte durch Selbsterkenntnis zu ermöglichen und dadurch seine Grenzen zu erweitern. Mit Dankbarkeit und Freude können wir Momente erleben, in denen ein Klient mutig eine Schwelle überschreiten kann und sich ihm dadurch ein neuer Lebens- und Handlungsraum eröffnet.
Bei meinem ersten Ausbildungsseminar vor 20 Jahren bei Gudrun Burkhard erzählte sie, wie sie jedes Setting mit einem Klienten mit einem bewussten Schwellenübertritt ins Seeleninnere, in den inneren Tempel des Klienten, beginnt. Bewusst gemacht wird dieser Schritt durch einen Spruch. Dieses „Ritual“ wird auch am Ende des Settings beim Austreten aus dem Seeleninnenraum vollzogen. Ihr Hinweis war mir so eindrücklich, dass ich ihn bis heute praktiziere. Jeder Klient bekommt einen für ihn persönlich ausgesuchten Spruch oder ein Gedicht ganz unterschiedlicher Autoren. Dieser Text begleitet uns durch die ganze Arbeit hindurch und wird für uns beide immer sprechender.




Grenzen


Was verstehe ich unter einer Grenze?
Eine Grenze trennt zwei Räume oder zwei Welten: es gibt ein Diesseits und ein Jenseits der Grenze, es kann ein Außen und Innen geben.
Grenzen können einen Schutz für einen Raum (z.B. Landesgrenzen) oder für einen Menschen (z.B eine Körperzelle, der physische Körper, ein Haus) bedeuten.
Es gibt Lebenssituationen in denen es notwendig ist, sich seelisch abzugrenzen, um sich zu schützen.
Andererseits können Grenzen auch eine Be-grenzung, ein Gefängnis, eine Stagnation bis hin zum Absterben sein.
Ich kann eine Grenze bewusst als Entscheidung aus meinem Tagesbewusstsein oder unbewusst, wie z.B. beim Übergang vom Wachen zum Schlafen und umgekehrt, überschreiten.
Auch meinem Mitmenschen gegenüber kann ich die Grenze zwischen mir und dem anderen bewusst oder unbewusst überschreiten.

Wenn eine Grenze wahrgenommen wird, wird sie als ein Widerstand (positiv oder negativ empfunden) erlebt. Um Geige spielen zu lernen, muss ich die Fähigkeit dafür entwickeln. Meine Unfähigkeit erlebe ich als einen Widerstand, der mir deutlich macht, dass ich mich weiter entwickeln muss, meine Grenzen erweitere. Im fortgeschrittenen Stadium werde ich mein Musikerleben vertiefen können, bis dahin, dass ich in eine bildhafte Klangwelt eintreten kann.

Ein Widerstand macht uns wach, bringt uns etwas zu Bewusstsein und gibt uns dadurch die Möglichkeit der Entwicklung.
Sich entwickeln heißt, ein Suchen und Überwinden von Widerständen. Das ist die Grundlage dafür, dass wir ständig unsere Grenzen erweitern bzw. Grenzen in neue Erfahrungswelten, neue Lebensphasen überschreiten können.


Welche Grenzen erleben wir? Wo erleben wir Grenzen?

Die physische Grenze

Eine deutliche Grenze zwischen mir und der Außenwelt, zwischen Ich und Du erleben wir durch unsere physische Begrenzung, unseren Körper.
Wir bilden eine sichtbare Einheit nach Außen. Der Organismus arbeitet innerhalb der Leibesgrenzen und wir erleben uns als ein Einzelwesen, wir erleben uns als „Ich“ in und an diesem Körper.
Der Säugling entdeckt seine Grenzen durch Abtasten und Begreifen der eigenen Gliedmaßen und bildet dadurch ein anfängliches Ich-Empfinden, das sich von der Außenwelt abgrenzt.
So haben wir einen lebenswichtigen Schutz durch unsere Körpergrenzen und die Möglichkeit uns als Individuum zu empfinden.
Andererseits kann der Körper als Begrenzung erlebt werden, durch körperliche Gebrechen oder bei zunehmendem Alter, wenn der Körper immer mehr abstirbt und die Seele stark bindet.
Menschen mit Nahtoderlebnissen berichten häufig davon, wie schmerzhaft es für ihre Seele war, wieder in das enge Haus des Körpers einzutreten.

Im Physischen bilden die Sinnesorgane das Tor zur Außenwelt. Sie sind grundlegend für die Entwicklung des Kleinkindes und die spätere Entwicklung der höheren Wesensglieder.


Die seelische Begrenzung

Ich als Subjekt erlebe mich als Individuum durch meine Gefühle, Gedanken und Willensimpulse im abgegrenzten Innenraum. Wenn ich ein kleines Kind betrachte, empfinde ich das Gefühl der Begeisterung in mir, ich bin aber gleichzeitig mit der Außenwelt, dem Kind, verbunden.
So sind auch alle unsere Seelenfähigkeiten Denken, Fühlen und Wollen Vermittler zwischen Innen und Außen. Erstarrt sind wir innerhalb dieser Grenze, wenn wir unseren vorgefassten Meinungen, festen Vorstellungen und Gewohnheiten (die wir meist als unser „Ich“ empfinden), zwanghaft unterworfen sind. Bei vielen, meist älteren, Klienten gehört es zu unserer Arbeit, dass wir uns die Grenzen dieser Verhaltensmuster, Glaubenssätze und Meinungen bewusst machen. Oft ist es ein langer Weg von der Erkenntnis bis zum freien Handeln, aber der erste Schritt ist gemacht.

So kann sich der Mensch über den physischen Leib durch die Sinneswelt und durch das Erleben der Seele im Spiegel des Aetherleibes erfahren und mit der Außenwelt verbinden.
Beiden Erlebensmöglichkeiten sind auch Grenzen gesetzt, die durch zwei grundlegende Einweihungswege in der Menschheitsentwicklung überwunden werden konnten.




Der Mensch an der Schwelle


Bernard Lievegoed beschreibt in seinem Buch „Der Mensch an der Schwelle“ anhand verschiedener seelischer Phänomene, die als symptomatisch für unsere Zeit gesehen werden können, dass die heutige Menschheit über die Schwelle geschritten ist. Das Ende des Kali Yuga 1879 und der Beginn des Michaelzeitalters 1899 haben diesen Prozess eingeleitet. Obgleich das Buch vor über 30 Jahren erschienen ist, ist sein Inhalt hochaktuell, wie die inzwischen fortgeschrittenen Entwicklungen zeigen.
Grenzerfahrungen werden zunehmend vor allem von jungen Menschen gesucht, die Erlebnispädagogik z.B.versucht diese Abenteuersehnsucht aufzugreifen und fruchtbar zu machen.
In jeder Schulklasse finden sich inzwischen Grenzgänger, die nicht mit den gängigen pädagogischen Methoden zu erreichen sind. Eine neue Generation wächst heran, mit Wahrnehmungen, die uns fremd sind, die häufig aus Hilflosigkeit unter „Autismus“ verbucht werden. Was nehmen diese Kinder wahr? Welche Wirklichkeit erleben sie? Können sie vielleicht einmal bewusster und fähiger mit diesem Schwellenübertritt der Menschheit umgehen?




Die zwei Grenzen des Ichs


Rudolf Steiner beschreibt, wie der heutige Mensch zwischen zwei Grenzen lebt.
Zwischen der Grenze nach außen und der Grenze nach innen, ins eigene Innere.

Nach Außen werden wir durch unsere Wahrnehmung begrenzt. Durch unsere Sinne nehmen wir Farben, Formen, Töne, Wärme usw. wahr, aber wir stoßen dabei nur auf die Außenseite der Erscheinung. Auch wenn wir die Sinnesfähigkeit durch ein Elektronenmikroskop oder andere hochtechnische Geräte verfeinern, so können wir zwar die allerkleinsten Teilchen bis hin zu nicht-materiellen Kräften wahrnehmen, wir können aber nicht hinter diese Grenze schauen.
Wie ein Teppich oder Schleier breitet sich die äußere Sinneswelt aus und wir haben die Empfindung, dass wir mit der Wahrnehmung nicht eindringen können, dass wir noch nicht die wirklichen Erscheinungen wahrnehmen.

Die zweite Grenze erleben wir, wenn wir in unser eigenes Inneres blicken. So finden wir eine Welt von Lust und Leid, Freude und Schmerz usw. Diese Triebe, Bedürfnisse und Gefühle steigen wie aus einem unbekannten Meer in uns auf und wir empfinden, dass etwas Tieferes, uns Verborgenes dahinter steht, aus dem wir schöpfen.

So steht der Mensch mit seinem Alltagsbewusstsein zwischen zwei Grenzen, die er zunächst nicht überschreiten kann.

Der Schwellenübertritt nach außen und nach innen wurde im Laufe der Menschheitsentwicklung in den Mysterien vollzogen. Die Voraussetzung um zum Schwellenübertritt letztlich zur Einweihung zugelassen zu werden, war ein langer, streng geführter Schulungsweg, der die Stärkung der Seele, der Mitte des Menschen zum Ziel hatte.




Schwellenübertritte


In Rudolf Steiners Vortragszyklus “Mikrokosmos und Makrokosmos“ GA 119 und bei Bernard Lievegoed „Der Mensch an der Schwelle“ sind die einzelnen Stufen der beiden Wege ausführlich beschrieben.
Im Folgenden möchte ich nur ein sehr verkürztes Bild geben.

Der Weg nach innen in den Mikrokosmos
Dieser wird von Rudolf Steiner als mystischer Pfad benannt. Wir finden ihn in den Mysterien Ägyptens am ausgeprägtesten wieder.
Auf diesem Weg kommt es zu einer Verdichtung des Ichs, was die Gefahr birgt, ganz im Egoismus zu versinken.
Er führt durch den Zeitenstrom rückwärts (d.h. in unsere Vergangenheit, in unsere früheren Inkarnationen) und der Einzuweihende erlebt zunächst die Kräfte seines eigenen Astralleibes, das sind all die Unterlassungssünden der vergangenen Inkarnationen.
Würden wir unvorbereitet in diese Welt eintreten, würden wir vor „Scham verbrennen“. An der Schwelle verdichten sich diese bedrückenden Aspekte im „kleinen Hüter der Schwelle“, der uns all unsere Unvollkommenheiten als ein Spiegelbild vorhält. Beim Schwellenübertritt wird dieser Spiegel durchbrochen und die darin wirksamen Kräfte werden erlebt.

Der Einzuweihende erlebt im Durchgang seiner Astral- und Ätherwelt bis hin zum physichen Leib die Frucht seiner früheren Inkarnationen und die Auswirkung auf seine jetzige Inkarnation.
Er bekommt dadurch eine Ahnung oder ein Wissen seines karmischen Weges, seiner karmischen Verbindung zu seinen Zeitgenossen und seiner Schicksalsaufgabe in dieser Inkarnation.

Wie oben angedeutet, ist die Menschheit seit dem Ende des 19. Jahrhunderts über die Schwelle gegangen und das heißt, dass die Schwellen, die zuvor durch die beiden Hüter geschützt waren und nur nach einem vorbereitenden Einweihungsweg überschritten werden konnten, nun durchlässig geworden sind.
Bernard Lievegoed beschreibt, bezogen auf die Schwelle nach innen, wie sich diese aus dem Unbewussten des heutigen Menschen aufsteigenden Kräfte durch innere Unruhe, gehetzte Aktivität, unbestimmte Ängste und zunehmende Depressionen auswirken.
In den letzten Jahren erlebte ich immer wieder Klienten, die über starke körperliche Schmerzen klagen, für die keine medizinische Ursache gefunden werden konnte, meist halfen auch keine Schmerzmittel. So sind diese Menschen ständig mit ihrem körperlichen Leiden mit ihrem Leib konfrontiert und fragen sich verzweifelt, welche seelische und karmische Aufgabe ihnen diese Krankheit stellt.
Mir scheint, dass es sich auch hier um Herausforderungen handelt, die auf die Durchlässigkeit der inneren Schwelle hinweisen.
Ein weiteres Phänomen zeigt sich dadurch, dass immer mehr Menschen Bilder und Szenen erleben, die sie nicht in ihre bewusste Erinnerung einordnen können. Diese Bilder und Erlebnisse werden als zutiefst wirklich erlebt und schnell in Verbindung mit einem früheren Erdenleben gebracht.
Das Interesse an Literatur zur Reinkarnation ist stark angestiegen, dabei ist Vorsicht geboten. Echte Erkenntnisse über frühere Inkarnationen ergeben sich aus einem Übungsweg mit strenger Selbstkritik und großer Wahrhaftigkeit. Gerade in diesem Bereich machen sich Eitelkeit, Illusionen und Wunschdenken stark geltend.
Auf der anderen Seite ist es an der Zeit, die Suche der Menschen mit den Gedanken zur Reinkarnation, wie sie in der Geisteswissenschaft beschrieben werden, bekannt zu machen.

Der Weg nach außen in den Makrokosmos
Der Weg nach außen, in den Makrokosmos war in den alten Kulturen üblich, da sie noch aus der Kraft des alten Hellsehens schöpften. Wir kennen ihn von den nordischen, den keltisch und germanischen Völkern.

Hier breitet sich das Ich in den Makrokosmos aus,das Ich wird verdünnt, wie aufgelöst.
Auf diesem Weg steigt der Mensch zunächst in die Welt der Elemente, hier findet er einen Spiegel in seinem Temperament.
Im Fortgang gelangt er in die geistige Welt, deren Abbild er in den sieben Planeten und zwölf Tierkreisbildern schaut. Diese erlebt er in ihren Kräften und in ihrem Schaffen, letztlich schaut er dahinter das Wirken der Hierarchien.
Damit tritt er in die „Vernunftwelt“ ein (nicht zu verwechseln mit dem Begriff den wir heute für die Vernunft gebrauchen) und letztlich in die Welt der Urbilder.
Auch in dieser Welt haben wir eine Begegnung an der Schwelle, hier mit dem „großen Hüter„.
Er zeigt uns, unser Idealbild, ein Abbild unseres vollkommenen Wesens.
Es bedarf großer Ich-Stärke, um dies zu ertragen, sich nicht entmutigen zu lassen, sondern als ein Aufruf zur Vervollkommnung zu verstehen.

In unserer Zeit können Exkarnationserlebnisse durch schwere, existentiell bedrohliche Lebenssituationen (tiefe Krise, Schock, Krieg, tödliche Krankheiten) ausgelöst werden.
Eindrücklich beschrieben werden diese Erfahrungen in den inzwischen zahlreichen Publikationen zu Nahtoderlebnissen.
Michael Birnthaler beschreibt in seinem gerade erschienen Buch „Erlebnispädagogik und Initation - die Wurzeln der Erlebnispädagogik in den Mysterienschulen“, wie sich in der Suche der Jugendlichen nach Abenteuer und Grenzerfahrung eine Sehnsucht nach Initation kundtut. Erlebnisse und Sportarten werden gesucht, die zu Schwellenerlebnissen führen können, wie z.B. das Bungee Jumping, das sich auf einen Übergangsritus zurückführen lässt.
Auch im Phänomen der sogenannten „hochsensiblen Menschen“ wird für mich die Durchlässigkeit der äußeren Schwelle deutlich. Immer mehr junge Menschen zeigen eine überdurchschnittlich heftige Reaktion auf Reize von außen, da sie über eine ausgeprägte, subtile Wahrnehmung (meist aller ihrer Wahrnehmungsorgane) verfügen. Sie haben z. B. eine hohe psychosoziale Feinwahrnehmung, das bedeutet, dass sie die Empfindungen der Mitmenschen oder Stimmungen im mitmenschlichen Umfeld sehr intensiv erleben. Häufig haben sie eine Neigung zur Spiritualität bzw. zeigen ein ausgeprägtes „intuitives“ Denken. Noch haben es diese Menschen in unserer Welt schwer, ihre Wahrnehmungsfähigkeit wird sogar oft als krankhaft angesehen, aber sind sie nicht Vorboten einer Welt, in der wir mit diesen zukünftigen Fähigkeiten umgehen können?
Ähnlich ist es mit den autistischen Kindern, wie ich oben schon erwähnt habe.





Welche Aufgabe stellt sich dem gegenwärtigen Menschen durch das Durchlässigwerden der Schwellen?


Stärkung der eigenen Mitte
Es ist deutlich, dass wir zwischen diesen beiden Schwellen, die eigene Mitte, unser Ich stärken müssen, um nicht überwältigt zu werden. Einen Schulungssweg aus unserer freien Entscheidung und in eigener Regie zu beschreiten ist notwendig.
„Schaffe dir Augenblicke innerer Ruhe...“ so beginnen die praktischen Anweisungen Rudolf Steiners in „Wie erlangt man...“ In unser Zeit der ständigen Reizüberflutung und Ablenkung ist das Erleben der inneren Ruhe, des Bei-sich-seins nicht mehr von selbst gegeben. Wir müssen uns diese Momente bewusst schaffen, uns für einen gewissen Zeitraum innerlich frei zu machen von allen Einflüssen, Gedanken, Bedürfnissen usw., die von Außen kommen oder aus meinem Innern aufsteigen.
Es gilt einen Freiraum zu schaffen, der mir ermöglicht ganz gegenwärtig und offen zu sein.
Um das zu erreichen, gibt es zahlreiche, unterschiedliche Praktiken, zunehmend aus dem östlichen Kulturraum.
Es kann ein Loslassen, ein Zu-sich-kommen durch ein ruhiges, bewusstes Atmen, wie es im Zen geübt wird, sein. Es können auch anthroposophische Konzentrationsübungen sein, um nur zwei zu nennen.
Hier muss jeder für sich einen Weg finden. Was die Wege verbindet sind in erster Linie die Geistesgegenwart über eine gewisse Zeit zu halten und mit Achtsamkeit und Offenheit mit der Schöpfung umzugehen.
Das Interesse und die Suche nach einem Weg um diese innere Freiheit, diese innere Mitte zu finden sind jedenfalls stark, wie die große Zahl der Teilnehmer bei den letzten Tagungen mit dem Thema „Meditation“ in Stuttgart und Berlin zeigen.
Wie der Weg weitergeführt wird, wie dieser Freiraum erfüllt wird, ob es eine Vorbereitung zu einer Mediation oder einer anderen geistigen Übung ist, ist ganz individuell.
In den Anweisungen Rudolf Steiners heißt es dann weiter „schaffe dir Augenblicke innerer Ruhe und lerne in diesen Augenblicken das Wesentliche von dem Unwesentlichen unterscheiden“. Dies sind die ersten Schritte hin zum Schulungsweg und sie schaffen ein anderes Lebensgefühl, dass von Ruhe und Sicherheit getragen ist und einen freieren Blick auf das Geschehen unserer Zeit ermöglichen.
Auch die sogenannten Nebenübungen sind ein unerschöpflicher Quell, um die eigenen Seelentätigkeiten immer bewusster, aus dem Ich heraus führen zu können.
Ziel ist es, das Ich zu stärken, um den Herausforderungen, die an den heutigen Menschen gestellt sind, gewachsen zu sein.

Bewusst mit den Schwellen umgehen
Wir überschreiten unbewusst ständig eine Schwelle zwischen der Welt des Mikrokosmos, dem Leben in der materiellen, sinnlichen Welt und der übersinnlichen Welt dem Makrokosmos.

Täglich beim Einschlafen, begeben sich unser Astralleib und unser Ich in den Makrokosmos, um sich beim Aufwachen wieder zu inkarnieren, zu verdichten. Wie können wir diese Momente bewusster erleben?
Der erste Schritt ist beim Einschlafen, durch die Tagesrückschau etwas bewusst mit zunehmen in die geistige Welt, eine Frage, ein Bild eines Menschen, der uns Sorge macht, einer Situation, die ungelöst ist. Beim Aufwachen gilt es die Aufmerksamkeit auf die Früchte der Nacht zu konzentrieren.
Auch Traumbilder können deutliche Hinweise geben, wenn wir sie „lesen lernen“.
Bei der sogenannten Karmaübung wird die bewusste Beobachtung und das Erleben beim Aufwachen über verschiedene Stufen über 3 Nächte gehalten. Hier braucht es viel Ernsthaftigkeit und Ausdauer.

Auch im Jahreslauf machen wir mehr oder weniger bewusst diese Schwellenübertritte mit. Der von Rudolf Steiner gegebene Seelenkalender, in dem wir bewusst unsere Seele mit dem Jahreslauf im Sommer in den Makrokosmos führen, um dann den Weg nach Innen in die Konzentration, zur Mitwinterzeit zu gehen.

Immer wieder erleben wir in der Arbeit mit den Klienten, nicht nur Grenzerweiterung, sondern Schwellenübertritte in neue Lebensräume. Meist ist die Zeit vor diesem Schritt mit viel Not und Angst verbunden. Eine tiefe Krise, in der der Mensch sich selbst verlieren muss, um dann neu geboren zu werden. Wie das oft in der Lebensmitte, wenn sich der Mensch am tiefsten inkarniert hat notwendig ist, um den nächsten Schritt hin zur Exkarnation in der zweiten, insbesondere dritten Lebensphase zu vollziehen.
Wie bewusst erleben wir den Prozess des Klienten, welche Kräfte nehmen wir wahr, wo war der Schwellenübertritt?

Letztlich das Wahrnehmen der Schwellen von Geburt und Tod. Beobachten, was das Neugeborene mitbringt. Wie erleben wir die Wesensglieder des kleinen Wesens, welchen Ausdruck nehmen wir wahr, wie verändert sich dieser?
Eine wache Begleitung von Sterbenden lässt uns ahnend diesen Schwellenübertritt mitvollziehen und kann die wirkenden Kräfte der geistigen Welt erlebbar machen.





Die Aufgabe der Biografiearbeit heute


Meiner Ansicht nach steckt die Biografiearbeit, soweit ich sie im Rahmen meiner Berufskollegen und der Tagungen erlebt habe und soweit ich das beurteilen kann noch ganz am Anfang.
Sie könnte noch viel mehr aus dem großen Reichtum des geisteswissenschaftlichen Hintergrunds schöpfen, doch dieser muss erst in zunehmenden Maße zur eigenen Lebenswirklichkeit, Lebenserfahrung des Biografiearbeiters werden.
Auch wir sind Zeitgenossen, die noch innerhalb der oben beschriebenen Grenzen arbeiten.
Und doch kommen uns von den Grenzen, die Herausforderungen und die Hinweise, welche Fähigkeiten wir uns erwerben müsssen.
Der Blick auf den Klienten über die Grenzen von Geburt und Tod hinaus und das Wissen um karmische Gesetzmäßigkeiten ist unserer Reichtum und zukünftig immer bewusster mit einzubeziehen. Diese Grundhaltung unterscheidet die Biografiearbeit wesentlich von psychologischen Beratungen und therapeutischen Gesprächen.
Wir brauchen den Mut, um auf die innere Schwelle zuzugehen und die karmische Aufgabe, sowie die karmischen Zusammenhänge immer mehr mit in die Biografiearbeit mit einzubeziehen zu können.
Das „Lernen vom Schicksal“, das von Coen van Houten entwickelt wurde, war für mich ein wertvoller Schritt in diese Richtung. Es ist seither ein großes Forschungsfeld mit langen Durststrecken, bescheidenen Erkenntnissen und immer wieder neuen Versuchen Fähigkeiten dafür zu entwickeln.

Auch der Weg nach Außen wird von immer mehr Menschen gesucht durch Naturbeobachtungen, Ausbildung der inneren Sinnesorgane, um die ersten tastende Versuche in der Welt des Ätherischen, des Elementarischen zu machen. Es haben sich europaweit Gruppen gebildet, die ihre Erfahrungen austauschen, gemeinsam üben und forschen. Dorian und Antje Schmidt, Dirk Kruse oder Christoph Hueck seien stellvertretend für andere hier genannt.

Den Schulungsweg zur eigenen Grenzerweiterung zu gehen, ist in unserem Beruf eine notwendige Grundlage.
Der Biografiearbeiter als Begleiter wird den Weg nach innen und nach außen zumindest anfänglich kennen müssen, um aus eigener Erfahrung sprechen zu können.
Gegenseitig können wir uns unterstützen, indem wir neue Wege erforschen und uns in den Intervisionsgruppen bzw. Tagungen austauschen.
Unsere Kraftquellen sind das Vertrauen in die „Mitarbeit“ der geistigen Welt und das, aus dem Herzen kommende, wirkliche Interesse am anderen Menschen, aus dem die Achtung vor der Individualität und dem Entwicklungsweg unseres Klienten erwächst.





Literatur:


Michael Birnthaler, Erlebnispädagogik und Initation - Die Wurzeln der Erlebnispädagogik in den Mysterienschulen, Edition Eos 2016
Iris Johansson, Eine andere Kindheit - Mein Weg aus dem Autismus, Verlag Urachhaus 2012
Bernard Lievegoed, Der Mensch an der Schwelle, VFG 1985
Raphael Müller, Ich fliege mit zerrissenen Flügeln, fontis Verlag 2014
Rudolf Steiner, Makrokosmos und Mikrokosmos - GA 119, Philosophisch- anthroposophischer Verlag 1933
Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? - GA 10, R.Steiner Taschenbuch 600 1981