Die "Große Mutter" - ein Urbild

Erschienen in Zeit-Schrift für Biografie-Arbeit, Weihnachten 2015




„Mutter Erde - Mutterboden – Mutterleib – Muttersprache – Mutterhaus – Mutterschoß“

sprechen Sie diese Begriffe laut und langsam für sich und lauschen Sie der Resonanz, die sie in Ihnen hervorruft. In der Regel werden wir Gefühle von Schutz, Sicherheit, Vertrauen, Wärme, Geborgenheit und Akzeptanz erleben, auch wenn wir mit unserer eigenen Mutter in einer schwierigen Beziehung standen oder noch stehen.

In unserer persönlichen Biografie haben wir zunächst die Erfahrung des Mütterlichen durch unsere Mutter, Großmutter, Stiefmutter oder eine andere mütterliche Beziehungsperson.
Darüber hinaus können wir ein noch umfassenderes Muttererleben empfinden. Ich erinnere mich, dass ich als Kind Verehrung, Geborgenheit und Aufgehobensein durch die Mutter Maria erleben durfte und gerne vor der großen Muttergottesstatue in unserer Kirche saß. Im Mai bereitete ich einen kleinen Altar mit Blumen und einem Madonnenbild. Auch das ist eine Muttererfahrung.
Wir alle erinnern uns an die Mütter, denen wir in den Märchen begegneten, da gab es die gute Mutter, die böse Stiefmutter, die Naturmutter, die Hexe oder die Alte im Walde.
Es gibt offenbar ein inneres „Wissen“ von der Mutter, das nicht mit dem Erleben einer realen mütterlichen Frau zusammenfällt. Dieses Urbild ist ein Teil unserer alltäglichen Lebenswirklichkeit und tritt uns in verschiedensten Lebenssituationen als hilfreiche Macht oder als große Gefahr entgegen. Es ist das Urbild der „Großen Mutter“ oder der „Mutterarchetyp“.




Der Mutterarchetyp


Carl Gustav Jung (1875 - 1961), der Begründer der analytischen Psychologie, hat den Begriff der „Archetypen“ geprägt.
Nach Jung finden wir in einer tieferen Schicht, als der des persönlichen Unbewussten, das kollektive Unbewusste, welches weit in die ferne Vergangenheit der gesamten Evolution zurückreicht.
In dieser tiefen Schicht sind wir mit der ganzen Menschheit verbunden und so finden wir in den Mythen, Märchen und Legenden aller Kulturen vergleichbare Gestalten (z.B. der Held), Motive (z.B. die Suchwanderung) oder Situationen (z.B. der Mythos vom Drachenkampf).

In diesem Artikel soll auf den zentralen Archetyp der „Großen Mutter“ geschaut werden.
Wie jeder Archetyp hat er eine große Vielfalt von Aspekten.
Typische Erscheinungsformen u.a. sind:

Mutter, Großmutter, Stiefmutter, Schwiegermutter, Amme, Kinderfrau, die weiße Frau, die Göttin, in unserem Kulturkreis besonders Maria, die Mutter Gottes, die Jungfrau, die Heilerin, die alte Weise.

Die Materie, der Urstoff, die Erde (Magna Mater), die Natur, das Meer, die Quelle, der Brunnen, die Unterwelt, die Nacht. der Mond, das Dunkle, der Wald, der Acker, der Garten.
Jede Art von Hohlform/Gefäß, so auch die Gebärmutter, die Höhle. das Taufbecken, die Wiege, der Sarg, der Backofen, der Kochtopf.
Die Blüte als Gefäß (Rose, Lotus) sowie die „Mutter“ Kirche, Ecclesia.
Als Tiere sind an erster Stelle die Kuh und der Hase zu nennen, das hilfreiche Tier überhaupt ist „mütterlich“.
Weiterhin ist das Weibliche und damit auch die Mutter ein Bild für das Unbewusste und die Seele.

In der Mythologie und den Märchen finden wir als ambivalenten Aspekt z.B. die Schicksalgöttinen (Parzen, Nornen, Weberin, Spinnerin) und als negativen Aspekt, die Hexe, die Zauberin, der Drache (alle verschlingenden Tiere, wie großer Fisch oder die Schlange) und der Nachtmahr, um nur einige zu nennen.




Das Leben im Spannungsfeld der Polaritäten


In unserem Erdendasein erleben wir uns im Spannungsfeld der grundlegenden Polarität zwischen:
Materie – Geist, Erde – Himmel, Yin – Yang, Weiblich – Männlich, Nacht – Tag, Mond – Sonne, Unbewusstes – Bewusstsein, die Reihe ließe sich noch weiter fortsetzen.
Diese Spannung erleben wir sowohl als Widerstreit zwischen den Gegensätzen, als auch als Sehnsucht zur Vereinigung, um wieder zur Ganzheit des Urzustandes zu gelangen.

Ich werde mich im Folgenden auf das Weibliche und hier insbesondere den Mutteraspekt beschränken. Diesen findet auch der Mann als weiblichen Seelenanteil in sich, in der analytischen Psychologie wird er als Anima bezeichnet.
Den negativen, dunklen Teil der Großen Mutter, der für BiografiearbeiterInnen sicher auch sehr interessant wäre, da aus ihm viele Lebensprüfungen und -krisen erwachsen, möchte ich an dieser Stelle nicht erörtern, da es den Rahmen des Artikels sprengen würde.




Die drei grundlegenden Gesten des Weiblich/Mütterlichen


Der Mond, Symbol für das Weibliche in allen Kulturen, zeigt uns in seinen verschiedenen Phasen drei charakteristische Eigenschaften des Weiblich/Mütterlichen

Bild Kreis

Das Große Runde
das Urmeer, aus dem alles entsteht und alles wieder eingeht beim Tode. Das „Schöpferische" an sich, das in seinem Elementar- und Wandlungscharakter das Ganze der Welt umfasst.


Bild Schale

Gebärde der Schale
aufnehmen, tragen, nähren, erhalten.


Bild Schutz

Gebärde des Schutzes
beschützen, bergen, Raum für das Werden und Reifen.




Die beiden Charaktere des Weiblich/Mütterlichen


Aus den drei Grundgesten lassen sich zwei elementare Charaktere des Weiblichen darstellen.
Erich Neumann, ein bedeutender Tiefenpsychologe und eigenständigster Schüler C.G. Jungs hat in seinem Hauptwerk über die Phänomenolgie des Weiblichen „Die Große Mutter“ in umfassender Weise die Erscheinungsformen und Wirkungsweisen des Weiblich/Mütterlichen aus allen Kulturen und Zeiten zusammengetragen.
Auf dieser Grundlage unterscheidet er den Elementarcharakter und den Wandlungscharakter der Großen Mutter.

Beim Elementarcharakter finden wir das Mütterliche, das sich lebenserhaltend, schützend, wärmend und nährend zeigt. Fortpflanzung, Fruchtbarkeit und Wachstum sind seine grundlegenden Antriebe.
Es ist die leiblich-ätherische Ebene, der Vegetationspol des Weiblichen, er beinhaltet das Spriessen, Sprossen, das Wachsende, das den dunklen Schoß der Erde durchbricht und „das Licht der Welt“ erblickt. Die Mutter schenkt Leben, Lebensfülle und Lebenskraft. Der neue Keim/das Neugeborene findet Schutz und Nahrung, es wird mitgetragen ohne eigene Verantwortung.
Die mütterliche Aktivität beruht auf instinkthaftem Verhalten oder/und natürlicher Empfindung, wie wir es in der Natur, im Tierreich und bei den Urvölkern finden.
Gleichzeit ist das von der Mutter abhängige Wesen noch kindlich, unselbständig und unentwickelt, sowohl in seinem Bewusstsein, als auch in seinem Ich.

Bild Ephesian Der Muttertyp dieses Charakters zeigt sich in der Mutter Erde, der Natur und den Göttinnen der Vorzeitvölker, die mit großen Brüsten, oftmals ein Kind nährend, sowie breitem Rumpf und Schenkeln, als Betonung des Mutterschoßes, dargestellt sind. Auch in Ägypten finden wir Statuen von Isis oder Hathor, Horus auf dem Schoß sitzend, aus der Brust nährend.
Demeter als Muttergöttin in griechisch-kleinasiatischen Raum, wurde mit einer Weizenähre und Mohn dargestellt, aber auch mit anderen Attributen der Natur, wie Blumen, Früchte und Samen.
Ein sprechendes Beispiel ist auch die bekannte Statue der Artemis von Ephesus, die als Göttin der Jagd und des Waldes, sowie als Hüterin der Frauen und Kinder verehrt wird. Sie wird von Tieren begleitet, ihr Gewandt zeigt tierisch-elementarische Wesen. Im oberen Rumpfbereich trägt sie viele nährende Brüste, auf der Rückseite besteht der untere Teil des Gewandtes aus lauter Mondschalen, in die die Strahlen der Sonne fallen können. Dies kann als Gralsmotiv aufgefasst werden, das bedeutet, dass der Astralleib mit seinen Mondenkräften das Ichhafte der Sonne empfängt.
Damit sind wir im Übergang zum zweiten Charakter, dem Wandlungscharakter des Weiblichen.

Im Wandlungscharakter bietet das Mütterliche über den Wachstumsprozess hinaus einen Wandlungsraum, in dem eine seelisch-geistige Entwicklung stattfinden kann.

Grundlegend sind die am Anfang der menschlichen Kultur stehenden Urmysterien des Weiblichen.
In allen derartigen Mysterienformen, wie der Nahrungs- und Trankzubereitung, der Anfertigung der Gefäße, der Kleidung, des Hauses usw. werden Dinge aus der Natur umgewandelt und zum Kulturgut. Daher erscheint auch eine Fülle der Symbole des Naturreiches in den Mysteriensymbolen. So wird das Holz zur Flamme zum Licht, die Blüte wird zur Krone, zum Mandala, die Ähre zum Brot und letztlich zur Hostie, die Traube zum Wein, zum Blut Christi. Gefäße, in denen diese Wandlung vollzogen wird, sei es das Taufbecken, der Kelch, der Gral oder die alchemistische Retorte sind Symbole der Mutter.
Bild Maria Des weiteren gehören auch der Tempel, der das Allerheiligste birgt und zum Ort der Einweihung werden kann oder die Mutter Kirche, Ecclesia, dazu. Die Ecclesia finden wir im Mittelalter oft dargestellt, wie sie die Heiligen und Gläubigen unter ihrem weiten Mantel eint und aus Milchströmen, die aus ihrem Herzen fließen, ernährt.
Am vertrautesten ist uns Maria mit dem Gottessohn auf dem Schoß. Maria ist das Sinnbild der reinen Seele, die würdig ist, das göttliche Kind zu tragen. In der Weiterentwicklung der kirchlichen Darstellungen wird sie in den Himmel erhoben und zur Himmelskönigin, zu Maria-Sophia, zur göttlichen Weisheit.
Auf dieser höchsten Geiststufe erscheint ein neues Symbol der Maria-Sophia, nämlich der Herzquell. Ein neues Organ wird sichtbar. Aus dem Herzen strömt die Weisheit des Gefühls.

Deutlich ist, dass die Mutter bei diesem Aspekt nicht in Beziehung zu einem abhängigen Kind steht, sondern zu einem autonomen Ich, das selbstverantwortlich ist.




Die beiden Charaktere des Mütterlichen im Tierkreis


Beide Aspekte der Großen Mutter finden wir im Tierkreis im Zusammenspiel wieder.

Die Tierkreiszeichen, die charakteristische weibliche Eigenschaften tragen, sind der Stier mit Venus und die Jungfrau mit Merkur als herrschendem Planeten.
Beide Tierkreiszeichen befinden sich im Jahreslauf auf der sogenannten Tagesseite des Jahres.
In dieser Zeit ist die Natur belebt, aktiv, während die Seele eher träumend, unbewusst dem äußeren Geschehen hingegeben ist.
Auf der Nachtseite des Jahres stirbt in der Herbst/Winterzeit die äußere Natur, sie zieht sich in den Schlaf zurück.
Während die Seele in der dunklen Zeit des Jahres wachend und konzentriert erlebt werden kann.

Nachdem im Widder nach der Tag- und Nachtgleiche ein neuer „Erdentag“ begonnen hat, erleben wir in der Zeit des Stieres (21.4. - 20.5.) ein Aufbrechen der Natur, das uns in jedem Jahr mit neuem Staunen erfüllt. Grünende, saftige Wiesen, herrliche Maienblüte, eine Zeit des üppigsten Wachstums und der Fülle, die uns die Natur, Mutter Erde, schenkt.
Schon im Symbol des Stieres “finden wir das „Große Runde“ und die Schale mit der aufnehmenden empfangenden Geste. Die Kuh ist Sinnbild für Reproduktion, Nahrungsspende und animalische Wärme. Hier finden wir den elementaren Aspekt der „Großen Mutter“, unterstützt durch die weibliche, hingebende, pflegende Fähigkeit der Venus, die uns die ganze Schönheit der Natur zum Geschenk macht.

Bild Erdtrigon Nach der Sommersonnwende, in der Johannizeit, ist die Seele ganz an „Weltenlicht und Weltenwärme“ hingegeben, es kommt zur Vermählung von Himmel und Erde und zum Wendepunkt (des Jahres und der Seele) im Zeichen des Krebses.
Beide Aspekte kann man aus dem Symbol des Krebses ersehen.
In der Jungfrau (23.08. - 22.09.), finden wir den Aspekt des Wandlungcharakters der „Großen Mutter“. Das M ist im Symbol der Jungfrau - angedeutet. Es ist in vielen Sprache der Konsonant, der das Mütterliche (Mama, Mutter, mother, maman) ausdrückt, abgeschlossen wird das Symbol durch einen Innenraum. Der in der Jungfrau herrschende Planet der Jungfrau ist Merkur, er vermittelt als doppelgeschlechtliger Götterbote zwischen Himmel und Erde.

Sowohl Stier, als auch Jungfrau sind Zeichen des sogenannten Erdtrigons des Tierkreises, zu dem als Drittes der Steinbock (22.12 - 20.01.) gehört. Hier finden wir im Symbol die empfangende Schale und den Innenraum.
In der vorangehenden Adventszeit bemühen wir uns nach dem Vor-Bild Mariens die innere Stille und Öffnung der Seele für das Kommende zu üben. Es ist die Zeit, in der die Erde sich ganz ins Innerste zurückgezogen hat, aber in der äußeren Dunkelheit und Erstarrung kann das Lichtkind geboren werden. Wir befinden uns in der Weihnachtszeit, in der das „Geisteskind im Seelenschoß erfühlt“ werden kann. Der Wandlungsraum wird zum Herzensraum. So erklingt das Wort des Herzens nur in dieser Zeit in den Wochensprüchen des Seelenkalenders von R.Steiner. Vier mal wird ein Herzbegriff in der Steinbockzeit genannt: Herzenshelligkeit, Herzens Liebewelten, Herzensgrunde, Herzenswärme.
Die Mutter ist der Herzensgrund, in dessen Zentrum das Geisteskind, das Neugeborene, das Zukünftige, steht.
Das Bild der Großen Mutter der Zukunft ist Maria-Sophia, die Trägerin der Weisheit.
Im Menschen führt die Weisheit zur Reinigung des Seelenlebens, er kann dadurch zum Christusträger werden. R.Steiner spricht von der „Neuen Isis“, die uns zu höherer Selbsterkenntnis führt. In der Suche nach der „Neuen Isis“ erkennt sich das Geistselbst als Weisheit.
Das Ich oder Selbst, wird zum Christusträger.

So finden wir im Wandel der Jahreszeiten der Erde und den Wandlungsprozessen der Seele beide Mutteraspekte verbunden. Der elementare Aspekt der Mutter im Aufsteigen, der nach dem Wendepunkt der Sonne sich umstülpt und im Abstieg zum Wandlungaspekt der Mutter wird, damit das göttliche Kind zur Wintersonnwende bzw. an Weihnachten geboren werden kann.




Abschließende Betrachtung


So spannt sich der Bogen der verschiedenen Aspekte des Mutterarchetyps von der Urmutter und den Erdgöttinnen der Vorzeit, über vielfältige Göttinnen aller Kulturen, bis hin zu Maria-Sophia, der Trägerin der göttlichen Weisheit.
Es zeigt sich die Entwicklung vom Dunklen zum Licht in der Menschheitsgeschichte, was sich in der Entwicklung des immer bewusster werdenden, freieren Ichs widerspiegelt.
Die Ich- Entwicklung ist die Aufgabe der vierten Stufe der Weltentwicklung: des Erdzustandes.
Wie ich oben ausgeführt habe ist jeder Jahreslauf ein Abbild dieses Reifungsprozesses, sowie auch jede Biografie unserer Zeit.
Wir werden nur am Lebensanfang von der elementaren Mutter getragen, mit dem Reifen unseres Ichs sind wir selbst verantwortlich für unsere weitere Seelenentwicklung und unseren Individuationsprozess, wie C.G.Jung die Ichentwicklung zum Selbst hin nennt. Unterstützt werden wir hierbei von den Gaben unserer seelisch-geistigen Mutter.
So schafft jede Seelenschulung, jede Meditation oder Kontemplation den Raum, in dem sich Geistiges im Bild zeigen (Imagination), aussprechen (Inspiration) und offenbaren kann (Intuition).
Durch Maria Sophia können uns die dafür notwendigen Herzenskräfte für das Erkennen erwachsen. Es erwacht eine Weisheit des Herzens, die gerade in unserer Zeit von vielen Menschen gesucht wird und entwickelt werden möchte.




Wie können wir den Mutteraspekt in uns be-leben, bewusst leben?







Literatur:


Sibylle Birkhäuser-Oeri, Die Mutter im Märchen, Stuttgart 1977
Manfred Krüger, Christus-Sophia – die Weisheit baut sich ihr Haus, Dornach 2011
Erich Neumann, Die Große Mutter – Eine Phänomenologie der weiblichen Gestaltungen des Unbewussten
Rudolf Steiner, Anthroposophischer Seelenkalender, Dornach 1977