Gewaltfreie Kommunikation - eine moderne Vorbereitung auf den anthroprosophischen Schulungsweg?

Erschienen in Zeit-Schrift für Biografie-Arbeit, Johanni 2012




„Du hast zwei Karten für die Mysteriendramen in Dornach bestellt.
Ich bin bestürzt, denn mir liegt am Herzen, dass wir so wichtige Entscheidungen gemeinsam treffen.
Lass uns heute Abend darüber sprechen.“
Sollten Sie ungewollt Zeuge einer solchen Aussage sein, dann können Sie davon ausgehen, dass sich die (ent)sprechende Person in der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) übt.

Die Gewaltfreie Kommunikation, bei Mediatoren und Konfliktberatern seit einigen Jahren eine verbreitete und grundlegende Gesprächsform, ist inzwischen auch den meisten interessierten Zeitgenossen, zumindest vom Namen her, bekannt.




Marshall Rosenberg


entwickelte diese Methode aufgrund seiner eigenen biografischen Erlebnisse.
Als Kind erlebte er die Rassenkrawalle in Detroit. Die Familie konnte tagelang das Haus nicht verlassen, da um sie herum ein Krieg tobte. Menschen wurden verletzt und getötet.
Das war für den damals Achtjährigen ein prägendes Erlebnis:
Menschen bringen sich wegen ihrer Hautfarbe um.
Später war er wegen seines jüdischen Namens den Aggressionen seiner Mitschüler ausgesetzt.
Für ihn war die Frage: Was bringt Menschen dazu, andere zu verletzten?
Auf der anderen Seite konnte er in seiner Familie erleben, wie sich Menschen aufopfernd füreinander einsetzten. Sein Onkel kam jeden Abend nach der Arbeit, um seine sterbenskranke Großmutter zu versorgen und das mit großer Hingabe und Selbstverständlichkeit.
Selbst unter schwierigen Bedingungen war es manchen Menschen offensichtlich möglich, mit ihrem einfühlsamen Wesen in Kontakt zu bleiben.

Marshall Rosenberg entschied sich Psychologie zu studieren und wurde Schüler von Carl Rogers.
In seiner psychotherapeutischen Praxis fanden sich überwiegend Frauen, die an Depressionen litten. Er erkannte den Zusammenhang von individuellen Krankheitssymptomen und gesellschaftlichen Strukturen. Ihm wurde deutlich, dass nicht Antidepressiva eine Heilung brachten, sondern die Fähigkeit, den Patientinnen mit Empathie zuzuhören.
So entwickelte er vor über 40 Jahren die Gewaltfreie Kommunikation (auch Einfühlsame oder Konstruktive Kommunikation genannt).
Inzwischen ist M. Rosenberg international bekannt und geschätzt. Er vermittelt in Schulen, Gefängnissen, Unternehmen, zwischen Familien, Kollegen, Rassen- und Volksgruppen. Er war in Kriegsgebieten (u.a. in Ruanda, Burundi, Nigeria, Kolumbien, Serbien, Kroatien) tätig und hat ein weltweites Netz von Trainerinnen und Trainern aufgebaut (CNVC), die in Workshops vielen Menschen die GFK vermitteln.
Sein Lebensmotto drückt M. Rosenberg im folgenden Zitat aus:

“Was ich in meinem Leben will, ist Einfühlsamkeit, ein Fluss zwischen mir und anderen, der auf gegenseitigem Geben von Herzen beruht.“

(aus: M.Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation – eine Sprache des Lebens)




Wie wird dies nun konkret durch die GFK möglich?


Die Gewaltfreie Kommunikation speist sich aus drei Quellen:

Die vier Schritte:

  1. Beobachtung
    Hierbei wird die konkrete Handlung oder Sachlage beschrieben, die mein Wohlbefinden beeinträchtigt. Die Beobachtung wird weder mit einer Bewertung, noch einem Vorwurf oder einer Interpretation vermischt. Mein Gesprächspartner weiß dadurch, um welche Situation es geht. Bleibe ich sachlich, so sind wir uns auf der Beobachtungsebene einig.
    Beim Zuhören nehme ich die Äußerungen des Anderen ohne bewertendes Urteil auf.
    Das Denken dient bei diesem Schritt dazu, die äußeren Wahrnehmungen zu erkennen, zu benennen, zu ordnen und zu beschreiben.

  2. Gefühl
    In diesem Schritt betrete ich meinen/deinen Innenraum, der meine/deine eigene Wirklichkeit hat. Welches Gefühl, das mit der Beobachtung in Verbindung steht, ist in mir gerade lebendig?(fühle ich mich ängstlich, traurig, unruhig, glücklich, aufgeregt...).
    Welches Gefühl höre ich bei dir?

  3. Bedürfnis
    Jeder Mensch ist existenziell davon abhängig, dass bestimmte Bedürfnisse befriedigt werden (ich brauche Nahrung, Sicherheit, Unabhängigkeit, Wertschätzung, Selbstverwirklichung...).
    Welches Bedürfnis wurde bei mir/dir verletzt?

  4. Bitte
    Hier wird die Bitte für eine konkrete Handlung geäußert, die ich mir vom anderen wünsche, bzw. vom anderen höre. Diese muss ganz frei bleiben, ohne Erwartung oder Forderung an den Anderen.

Am eingangs angeführten Beispiel soll das verdeutlicht werden:
Du hast zwei Karten für die Mysteriendramen bestellt - Beobachtung
Ich bin bestürzt - Gefühl
denn mir ist eine gemeinsame Entscheidung wichtig - Bedürfnis
Lass uns heute Abend darüber sprechen. - Bitte

Das „Werkzeug“ zu handhaben ist natürlich eine Sache der Übung und es gibt dafür gute Trainingsbücher und –gruppen (z.B. Ingrid Holler: Trainingsbuch Gewaltfreie Kommunikation).
Sehr schnell wird aber deutlich, dass die GFK nur zu einem geringen Teil eine Methode ist, sie muss vom ganzen Menschen ausgehen, sie ist eine Seelenhaltung . Diese muss entwickelt werden und erinnert an die:




Übungen zur Pflege des Denkens - Fühlens und Wollens


Übungen, die Rudolf Steiner als Vorbereitung oder als Begleitung (als sogenannte Nebenübungen - Rudolf Steiner: Die Geheimwissenschaft im Umriss, GA 13) des eigentlichen Schulungsweges angibt.
Ihr Ziel ist die Pflege des Denkens – Fühlens und Wollens, die damit immer mehr vom Ich ergriffen und geführt werden.
Letztendlich wird dadurch die Grundlage zur Entfaltung übersinnlicher Wahrnehmungsorgane geschaffen.

Der erste Schritt: Beobachten ohne zu bewerten oder zu urteilen,
ist uns aus den Nebenübungen, aus der Naturbeobachtung (insbesondere der Pflanzenbetrachtung) bekannt. Es ist die Grundlage der phänomenologischen Betrachtungsweise.
Das Üben der Vorurteilslosigkeit und Unbefangenheit, kann zu einer inneren Gewohnheit werden und macht es möglich, auch völlig Ungewohntes aufzunehmen.
Dem Anderen zuzuhören, ohne Vorurteil, ohne Kritik oder moralischer Bewertung , beschreibt R.Steiner auch als die 1.Stufe, die Stufe des „Raben“ auf dem Weg zur höheren Erkenntnis.
“Rabe, bedeutet in der Sprache der Eingeweihten einen, der sich ganz selbstlos bemüht, nicht zu urteilen... es ist nicht das Wichtigste, was du über Menschen und Dinge denkst, sondern du musst auskundschaften, was die anderen darüber denken, du musst untertauchen in die Seele der Anderen und ergründen, was in jenen lebt.“(Rudolf Steiner: Aus den Inhalten der esoterischen Stunden, GA 266/I).

Der zweite Schritt: die Gefühle
Um an die präzise Wahrnehmung der eigenen Gefühle zu kommen, muss ich ganz gegenwärtig sein und mit mir in Kontakt kommen. Ich muss mich ganz auf meine Gefühle einlassen, um sie wahrzunehmen, mich aber nicht darin verlieren.
Die einzelnen Gefühle zu differenzieren ist meist schwierig, es bedarf der Übung, zumal wir einen sehr begrenzten Wortschatz für unsere Gefühle haben. In dieser Tätigkeit des Differenzierens und Benennens ist das Ich als bewusste Instanz in der Seele präsent.
Es findet hier also eine Vertiefung des Gefühls statt, durch die anschließende klare Benennung entsteht ein Raum der Besonnenheit. Dies macht es möglich, meine Gefühle dem anderen gegenüber authentisch ohne unbeherrschte Gefühlsausbrüche auszudrücken, sodass sie im Herzen des Anderen ankommen können.

Über die Gefühle des Anderen kann ich etwas durch meine Empathiefähigkeit, mein Einfühlungsvermögen erfahren Empathie ist heute ein geläufiger Begriff, der vor 6o Jahren durch die Klientenzentrierte Psychotherapie von Carl Rogers immer mehr an Bekanntheit gewann. Voraussetzung dafür ist das bedingungslose Akzeptieren des anderen Menschen.
Die Fähigkeit zu emotionaler Resonanz ist sehr unterschiedlich entwickelt, aber doch bewusst oder unbewusst ein Wahrnehmungsorgan für den anderen Menschen.
Ist es als Zufall zu sehen, dass 2005 Joachim Bauer sein Buch über die Spiegelneuronen veröffentlichte (Joachim Bauer: Warum ich fühle, was du fühlst)? Das Buch fand ein breites Interesse. Bauer zeigt darin, dass die Spiegelaktivität bestimmter Nervenzellen im Scheitellappen des Beobachters ein unmittelbares Verstehen der Empfindungen der wahrgenommenen Person erzeugt.
Das ist insofern interessant, da es nun auch wissenschaftlich bewiesen ist, dass ein wirkliches Ein-fühlen, ein Mit-fühlen möglich ist. Es kann nicht mehr als subjektive Einbildung abgetan werden.
Auch hier bedarf es meiner Unbefangenheit, meiner Vorurteilsfreiheit den Gefühlen des Anderen gegenüber.

Der dritte Schritt: das Bedürfnis
Die elementarste Schicht unseres Wollens sind die Bedürfnisse, sie sind die Wurzeln für unsere Gefühle (z.B. wird mein Bedürfnis nach Wertschätzung nicht erfüllt, so fühle ich Ärger oder Enttäuschung).
Die Bedürfnisse umfassen ein breites Spektrum, angefangen von den physiologischen Bedürfnissen (wie Nahrung, Schlaf...) über die sozialen Bedürfnisse (wie Zugehörigkeit, Respekt...) bis hin zu den Ich-Bedürfnissen (wie Selbstentfaltung, Freiheit, Ordnung...), die die Grundlage unserer Werte sind.
Unsere Bedürfnisse sind meist unbewusst, es braucht Wachheit im Seelenleben, um sie zu erkennen und Wahrhaftigkeit, um sie zu akzeptieren.
Dies ist ein wichtiger Schritt in unserer Selbsterkenntnis, der es unserem Ich möglich macht, frei zu entscheiden, ob es diesem Impuls folgen will oder nicht.

Der vierte Schritt: die Bitte
Um eine konkrete Bitte zu äußern brauche ich Mut und es zeigt sich schnell, wie ernst es mir mit der freien Entscheidung des Anderen ist.
Kann ich meine Erwartung loslassen?


Soweit zum Werkzeug. Nun zu den Rahmenbedingungen:

Die Aufmerksamkeit, Bewusstheit (Awareness)
wurde vor allem durch den Einfluss fernöstlicher Meditationen aus dem Buddhismus und Zen-Buddhismus zunehmend im Westen verbreitet. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet Aufmerksamkeit, jeden Augenblick bewusst zu erfassen.
Im anthroposophischen Kontext kennen wir es als Erüben der Geistesgegenwart, d.h. die vollkommene Präsenz des Ich im gegenwärtigen Moment.

Die Intention
Wer sich in die GFK einarbeitet merkt sehr schnell, dass er diese Gesprächsform zwar formal anwenden kann, dass es aber unmöglich ist, in dieser Weise zu kommunizieren, wenn er es nicht wirklich will.
Ich muss einen Fluss, eine Verbindung zum anderen Menschen in diesem Moment wollen.
Zum einen ist es eine Anstrengung, zum anderen braucht es Wahrhaftigkeit und Mut mich dem Anderen in seinen Gefühlen und Bedürfnissen so offen zu zeigen und danach eine Bitte zu äußern, die mir vielleicht nicht gewährt wird. Es braucht Selbst-Bewusstsein und ein wirkliches Interesse für den anderen Menschen.
Das intensive Interesse am anderen Menschen ist die Grundlage des sozialen Lebens, wie R.Steiner in verschiedenen Vorträgen ausführt (R.Steiner: Die Überwindungen der Neigungen zum Bösen durch die Förderung des gegenseitigen Interesses,GA185). Es ist eine Fähigkeit, die notwendig von uns entwickelt werden muss, damit in der Zukunft ein soziales Leben möglich wird. In der GFK ist ein deutlicher Ansatz dazu zu erkennen, es ist ihre Grundvoraussetzung.
Dieses erhöhte Interesse für den anderen Menschen ist noch sehr viel weitreichender, darauf soll im nächsten Heft bei der Vorstellung des „Begegnungsgespräches“ eingegangen werden.




Die Bedeutung der GFK


Mein Anliegen war es aufzuzeigen, wie durch das Erüben der GFK über viele kleine Schritte eine wertvolle Schulung der Seelentätigkeiten möglich wird, auch wenn nicht jeder das Ziel erreicht, ein natürliches Gespräch in Anlehnung an die GFK zu führen.
Dass sich so viele Menschen verschiedenster Kulturen auf den Weg machen in einen lebendigen Austausch zum anderen Menschen zu kommen, gerade um Konfliktsituationen zu lösen, ist für mich ein hoffnungsvolles Zeichen. Es zeigt sich darin eine Zeitströmung, die die Notwendigkeit einer neuen Gesprächskultur und Haltung dem anderen Menschen gegenüber erkennt und auch die Anstrengung des Übens nicht scheut. Es wird dadurch eine Grundlage für die, in Zukunft noch stärker zu entwickelnden, neuen Wahrnehmungsorgane geschaffen.
Für mich wird die starke Sehnsucht der Menschen nach dem „lebendigen Fluss“ zum Anderen deutlich. Es ist der Wunsch, sich gegenseitig das Leben zu bereichern und nach einiger Zeit können wir bemerken, wie sich immer stärker das Gefühl von Dankbarkeit den anderen und dem Leben gegenüber einstellt.

In der Biografiearbeit ist es möglich, dem Klienten in Konfliktsituationen in den oben beschriebenen Fähigkeiten wie Haltung, Bewusstheit, dem einfühlsamen Zuhören und der eigenen Aussage zu stärken. So kann eine schwierige Aussprache erfolgversprechend vorbereitet werden.
Für meine Entwicklung als Beraterin sind die Übungen durch die GFK sehr hilfreich, sie ermöglichen mir die verschiedenen Ebenen im Zuhören zu unterscheiden, dem Klienten „vielschichtiger“ zu lauschen. Sein inneres Ringen, sein „Leiden“ wird für mich offenbarer.
Im „Begegnungsgespräch“ gehen wir noch weiter, indem wir versuchen dem anderen in seiner Einzigartigkeit, in seinem Wesen zu begegnen. Das wird Thema im nächsten Heft sein.